Die wachsende Herausforderung des Hochwassermanagements in einem sich wandelnden Klima: Die jüngsten Erfahrungen in Deutschland
Interview von Dr. Beate Krok mit Prof. Dr.-Ing. André Niemann
Prof. Dr. Niemann, seit den katastrophalen Überschwemmungen vom 14. Juli 2021 in Nordrhein-Westfalen und dem Ahrtal ist Deutschland in diesem Jahr bereits drei schweren Hochwasserereignissen ausgesetzt gewesen. Können Sie erklären, was derzeit geschieht?
Tatsächlich haben wir in diesem Jahr bereits bedeutende Hochwasserereignisse erlebt – die Weihnachtsfluten in Norddeutschland, die Pfingstfluten in der Saarregion und zuletzt die Überschwemmungen in Süddeutschland, die Schwaben und Teile Bayerns betrafen. Dies ist Teil eines komplexen Zusammenspiels mehrerer Faktoren. Der Klimawandel macht ein ohnehin komplexes Klimasystem noch vielschichtiger.
Was verursacht diese scheinbare Zunahme der Hochwasserereignisse?
Es handelt sich um eine Kombination verschiedener Faktoren. Unsere Ozeane sind wärmer denn je, und wir haben 13 Monate in Folge mit rekordhohen Durchschnittstemperaturen über Land erlebt, die jeweils 1,6°C über dem langjährigen Mittel lagen. Die Physik ist klar: für jeden Temperaturanstieg von 1°C kann die Atmosphäre 7% mehr Feuchtigkeit speichern. Dies erleben wir physisch als verstärte Niederschläge.
Wie äußert sich dies in konkreten Hochwasserereignissen?
Die spezifischen Wettermuster können variieren. Manchmal handelt es sich um lang anhaltende konvektive Niederschläge, wie wir sie bei der Weihnachtsflut in Norddeutschland beobachtet haben. Manchmal ist es eine besondere Wetterkonstellation, die dazu führt, dass Wasser, das aus dem Mittelmeer aufgenommen wurde, kontinuierlich über einer bestimmten Region niedergeht, wie bei den Pfingstfluten in der Saarregion. Letztendlich ist es die gesamte Wetterlage, die entscheidet. Es handelt sich um eine komplexe Wechselwirkung von Veränderungen im globalen Jetstream, den Meeresströmungen und der regionalen Konstellation von Wettermustern.
Sind bestimmte Gebiete eher gefährdet als andere?
Auf jeden Fall. Die Topografie spielt eine entscheidende Rolle. Flache Regionen mit sandigen Böden, wie Brandenburg, haben eine höhere Kapazität, überschüssiges Wasser aufzunehmen. Im Gegensatz dazu sind bergige und hügelige Gebiete besonders anfällig für intensive, lokale Niederschläge. Es gibt mehr als 30 Mittelgebirgsregionen in Deutschland. Leider ist unsere Infrastruktur in diesen exponierten Gebieten oft nicht angemessen auf diese neue Klimarealität vorbereitet.
Was kann kurzfristig unternommen werden, um die Auswirkungen von Hochwassern zu mildern?
Wir brauchen einen dreigliedrigen Ansatz: Flächennutzungsplanung, technischer Hochwasserschutz und Verhaltensvorsorge. Kurzfristig sind verbesserte Vorhersage- und Warnsysteme entscheidend. Die Zukunft des Hochwasserschutzes ist zunehmend digital, wobei Apps und intelligente Infrastruktur wie sensorgesteuerte Deiche eine wachsende Rolle bei der Information und Sicherung der Gemeinden spielen.
Und was langfristige Strategien betrifft?
Flüsse benötigen Platz, und wir werden lernen müssen, mit dem Wasser zu leben. Für langfristige Resilienz sehen wir kreative Lösungen wie „Sponge Cities“ und „Sponge Landscapes“, die überschüssiges Wasser besser aufnehmen und managen können. Dazu gehören multifunktionale städtische Räume, die tägliche Bedürfnisse decken und gleichzeitig Schutz vor Hochwasser bieten. Allerdings stehen wir bei der Umsetzung vor erheblichen Herausforderungen. Oft mangelt es an politischem Willen auf lokaler Ebene, um diese Pläne in die Tat umzusetzen.
Wie hat sich das Bewusstsein der Öffentlichkeit in Bezug auf diese Themen verändert?
Es gibt eine positive Veränderung. Die Medienberichterstattung über Wasserthemen im Jahr 2023 erreichte ihren höchsten Stand seit 25 Jahren. Dies gibt uns Experten Impulse, um unsere Lösungen zu fördern. Allerdings reicht Bewusstsein allein nicht aus. Wir brauchen Handeln. Wie ich oft sage, jede gut gemeinte, geplante, aber nicht umgesetzte Maßnahme ist ein unrealisiertes Hochwasserschutzkonzept für die Gesellschaft.
Was ist Ihre Aussicht auf die Zukunft?
Die Herausforderungen sind erheblich, aber unsere Fähigkeiten sind es ebenfalls. Uns mangelt es nicht an Wissen darüber, was möglich und notwendig ist. Unser Hauptdefizit liegt in der Umsetzung. Blickt man nach vorn, benötigen wir Mut, Kreativität und ein Engagement dafür, unsere Gemeinden an die neuen Realitäten des Klimawandels anzupassen. Jeder Schritt in Richtung größerer Resilienz zählt. Die jüngsten Erfahrungen in verschiedenen Teilen Deutschlands dienen als starker Hinweis auf die Dringlichkeit dieser Aufgabe.
Prof. Dr. André Niemann leitet seit 2010 das Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Er studierte Bauingenieurwesen an der Leibniz Universität Hannover und promovierte 2000 an der Universität-GH Essen. Bevor er seine akademische Laufbahn begann, arbeitete er als Beratungsingenieur bei Dahlem Engineers. Das Forschungsportfolio von Prof. Dr. Niemann ist umfangreich, seine Arbeit konzentriert sich auf Wasserwirtschaft, Hochwasserschutz und naturnahen Wasserbau, was in über 40 wissenschaftlichen Publikationen mündete. Neben seiner Haupttätigkeit hat Niemann eine Gastprofessur an der Wuhan-Universität in China inne. Er ist in verschiedenen Fachgremien aktiv und Mitglied des Vorstands der Deutschen Vereinigung für Wasser-, Abwasser- und Abfallwirtschaft (DWA). Derzeit betreut Prof. Dr. Niemann acht Doktoranden, die Themen wie Flussrenaturierung, Messmethoden und digitale, integrierte Wasserbewirtschaftungskonzepte erforschen. Seine vielfältige Karriere zeigt ein starkes Engagement für die Weiterentwicklung der Wasserwirtschaft in akademischen und beruflichen Bereichen.